Leo Perutz

Schriftsteller

* 1882   † 1957

 

Lebenslauf

Versicherungsmathematiker, dann freier Schriftsteller; einer der meist gelesenen Autoren der Zwischenkriegszeit; 1938 Emigration nach Tel Aviv. Er lebte nach dem Zweiten Weltkrieg teils in Tel Aviv, teils in Wien. Während seines Sommeraufenthaltes in St. Wolfgang gesundheitlicher Zusammenbruch und Tod im Krankenhaus Bad Ischl.

Leo Perutz, der „Meister des phantastischen Romans“, wie Friedrich Torberg ihn einmal nannte, ist Spross einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie, die um die Jahrhundertwende von Prag nach Wien übersiedelt. Nach dem Gymnasium, das er ohne Matura verlässt, besucht er die Handelsakademie sowie als Gasthörer mathematische und volkswirtschaftliche Vorlesungen an der dortigen Universität. Gegen seine Neigung nimmt er 1907 eine Stelle als Versicherungsmathematiker an und erwirbt sich mit der sog. "Perutz'schen Ausgleichsformel" einigen Verdienst um die Rentenberechnung. Sein erfolgreiches Debüt als Romanautor gibt Perutz 1915 mit dem historischen Roman „Die dritte Kugel“. Nach der Erholung von einer schweren Verwundung im Ersten Weltkrieg veröffentlicht er 1918 den Roman „Zwischen neun und neun“, der im deutschsprachigen Raum zu einem der größten Kassenerfolge der Zwischenkriegszeit wird. In der Folge etabliert sich Perutz als geachtete und aufgrund seines mitunter beißenden Spotts auch gefürchtete Leitfigur der Wiener Kaffeehausszene. Mit den historischen Romanen „Der Marques de Bolibar“ (1920) und "Turlupin" (1924) sowie den spannenden Zeitromanen „Der Meister des jüngsten Tages“ (1923) und „Wohin rollst Du, Äpfelchen ...“ (1928) avanciert Perutz zum Publikumsliebling, dessen Werke in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und später teilweise auch für das Fernsehen verfilmt werden. Seinen bürgerlichen Beruf kann er damit aufgeben. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten werden die Schriften des jüdischstämmigen Autors in Deutschland boykottiert und mit dem Einmarsch Hitlers in Wien geht Perutz ins Exil nach Palästina. Dort gelingt es ihm nicht, sich als deutschsprachiger Autor durchzusetzen, was ihn vorübergehend dazu zwingt, den erlernten Beruf aufzugreifen. Zu Beginn der 50-er-Jahre kehrt Perutz offiziell nach Österreich zurück und vollendet im Folgejahr das vielfach als spätes Meisterwerk gerühmte Buch „Nachts unter der steinernen Brücke. Roman aus dem alten Prag“. Sein letztes Prosawerk, „Der Judas des Leonardo“, vollendet er 1957, doch sollte es ihm nach Kriegsende nicht mehr gelingen, an frühere Erfolge anzuknüpfen. Erst seit Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts erfährt Perutz´ Werk wieder die ihm gebührende Aufmerksamkeit.

Leo Perutz „könnte einem Fehltritt Franz Kafkas mit Agatha Christi entsprossen sein“, witzelte einst Friedrich Torberg in Erinnerung an seinen Schriftstellerkollegen und wies damit auf die zentralen Wesensmerkmale von dessen Romankunst hin: spannende Unterhaltung und mystische Tiefgründigkeit. Als unbestritten gelten die sprachliche Meisterschaft des Autors und die mathematische Präzision im Aufbau seiner Werke. Treffend hat man das Charakteristikum seines Schreibens auf die Formel „Mystik plus Mathematik“ gebracht.

Werke (Auswahl)

  • Das Mangobaumwunder (1916, mit P. Frank)
  • Herr, erbarme dich meiner! (1930)
  • Die Reise nach Preßburg (1930, mit P. Frank)
  • St. Petri-Schnee (1933)
  • Der Judas des Leonardo (1959)
  • Die dritte Kugel (1978)
  • Zwischen neun und neun (1978)
  • Turlupin (1984)
  • Herr, erbarme dich meiner (1985)
  • Wohin rollst du, Äpfelchen (1987)
  • Mainacht in Wien (1996, Fragment von 1938) – Taschenbuch-Gesamtausgabe (1987-1891)

Leo Perutz und das Salzkammergut

Bergwandern, Klettern, Schwimmen, Wasserski-Fahren und mit Damen Poussieren – das sind die durchaus weltlichen Vergnügungen, denen sich der Geistesmensch Perutz 1914 bei seiner ersten Sommerfrische im Salzkammergut hingibt. Er nimmt Quartier im mittlerweile demolierten Grand Hotel von St. Wolfgang, das in den folgenden Jahren zum regelmäßigen Domizil seiner mehrwöchigen Sommeraufenthalte wird. Hier schließt er lebenslange Bekanntschaften mit Künstlern wie dem Schauspieler Emil Jannings, dem Schriftsteller und Kritiker Alfred Polgar und dem Publizisten und Bohemien Anton Kuhn. 1928 lernt Perutz den um einige Jahre jüngeren Dichter und Romancier Alexander Lernet-Holenia kennen, der in St. Wolfgang ein Anwesen besitzt. Er berät ihn in literarischen Fragen und regt zur späteren künstlerischen Zusammenarbeit an. Mit dem pazifistischen Schriftsteller Ernst Toller, der sich vorübergehend am jenseitigen Seeufer in Zinkenbach aufhält, diskutiert er über Krieg und Frieden. In Altaussee, am anderen Ende des Salzkammerguts, besucht er des Öfteren den Schriftsteller Bruno Brehm.

Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus hat das Sommerparadies für den Schriftsteller jüdischer Abstammung allerdings ein abruptes Ende. In Briefen aus dem Exil äußert sich Perutz nun „wehmütig über das Salzkammergut“, dessen Landschaft er vermisst. Wenn er Heimweh habe, bekennt er, „ist es niemals Heimweh nach Wien, immer Heimweh nach Aussee, nach einem Waldweg, einer bestimmten Aussicht, nach dem Geruch.“

Trotz der Gräuel und persönlichen Enttäuschungen, die Perutz fortan mit dem Land seiner Herkunft verbindet, steigt er schon fünf Jahre nach Kriegsende wieder regelmäßig für einige Wochen in St. Wolfgang ab. Über die Freude, die ihn bei der Wiederkehr überkommt, gibt eine Postkarte Auskunft: „12 Jahre haben wir uns danach gesehnt – es ist schön wie je! St. Wolfgang der schönste Flecken Europas!“ Nach den freudlosen Jahren im Exil erwachen seine Lebensgeister auf Neue: „Und während ich in Tel Aviv nach zwei Treppen müde bin und mich hinhauen muss, gehe ich hier auf schlechten und steilen Waldwegen 800 m hoch, ohne müde zu werden und vorgestern haben wir dabei herrliche langstielige Enziane gefunden“. Er begegnet alten Freunden wieder – den braunen ‚Mitläufern‘ hat er bald verziehen – und neue Bekanntschaften tun sich auf, etwa mit der Schriftstellerin Hilde Spiel (ebenfalls auf dem Ischler Friedhof beigesetzt, siehe Grab Nr. 43), die hier eine Art ländlich-literarischen Salon führt, der auch Perutz offen steht. Er selbst logiert künftig in der Pension Seerose, nur wenige Schritte von Spiels Domizil entfernt. Die Schriftstellerin erinnert sich: Er, dem „österreichischen Boden tiefer verhaftet als der uralten Heimat seines Volkes, kehrte allsommerlich ins Salzkammergut zurück. Hier wandelte er im Zyklamenwald und hier saß er abends der Tafelrunde seiner Freunde im Café Wallner vor.“ Seine Zerrissenheit als gebürtiger Österreicher und exilierter Jude bekundet er gegenüber der Wirtin besagten Cafés mit dem Humor, der ihm zeitlebens eigen war: „Frau Grete, wissen Sie, was ich mir wünschen tät‘? Das wär‘ ein Haus, vom dem ich aus dem einen Fenster auf den Tempelplatz von Jerusalem sehen kann und bei einem anderen Fenster den Wolfgangsee betrachten könnte.“ Auch mit dem Ehepaar Peter, den Besitzern des ‚Weißen Rössels‘, steht er auf gutem Fuß. „Abends saßen wir auf der Rösselterrasse und sprachen von alten Zeiten“, heißt es in einem Brief. Die Freunde begegnen einander in häuslichem Kreis, treffen sich in der Weinstube Furian, gelegentlich auch in der Konditorei Zauner in Bad Ischl.
Mitte der 50-er-Jahre hat der Schriftsteller Perutz seine besten Jahre bereits hinter sich; die jugendliche Frische ist dahin. Obendrein ergehen an die Wolfganger Adresse ein Reihe von Absagen aus Hollywood, das sich nicht entschließen kann, die Romane des gewesenen Erfolgsautors zu verfilmen; die mittlerweile dringend benötigte finanzielle Aufbesserung bleibt somit aus.

Auch im Sommer 1957 weilt Leo Perutz seiner Gewohnheit folgend am Wolfgangsee; es sollte sein letzter Aufenthalt sein. Im Laufe des Monats verschlechtert sich seine Gesundheit rapide; sein Dahinscheiden ist nur noch eine Frage der Zeit. Ihren Abschied von dem Sterbenskranken schildert Hilde Spiel in ihren Lebenserinnerungen: „Vor der Seerose, in der er wohnte, hielt man mich kurz vor Mitternacht auf. Bei Perutz, der im Bett nach Luft rang, waren seine Frau und Eva Lernert[-Holenia]. Ich blieb bis um vier Uhr früh bei ihnen. Bald nachdem ich heimgegangen war, wurde er nach Bad Ischl gebracht und starb dort am nächsten Nachmittag.“ An seinem Grab, dem einzigen jüdischen „auf dem schönen Ischler Friedhof, sprach nach Lernet[-Holenia] auch dieser völkische Schriftsteller in echter Ergriffenheit.“ Zuletzt bezeichneter Autor ist Bruno Brehm. Obwohl dieser eine nicht unmaßgebliche Rolle im nationalsozialistischen Kulturbetrieb gespielt hat, hält Perutz zeitlebens an dessen Freundschaft fest. Dieser nämlich hat ihm noch Ende der 30-er Jahre Beistand geleistet, zu einer Zeit also, da solche Hilfe schon äußerst riskant war. In Brehms Nachruf heißt es: „Es war ein regnerischer Tag. Vom Ischler Friedhof sah man die waldigen Berge, aus denen der Nebel aufstieg und auf die sich die Wolken herabsenkten. "Regen", hatte Perutz gesagt, "macht mir nichts. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr man sich in Palästina nach Regen sehnt." Auch Friedrich Torberg, der langjährige Freund, findet Worte der Würdigung und blickt auf Perutz‘ Leben zurück. Mit schwerem Mut beschwört er das alte Österreich herauf und gedenkt eines seiner letzten literarischen Repräsentanten: „Er starb in Bad Ischl, wo manche der in Prag Geborenen und aus Wien Geflüchteten die Sommer ihrer Kindheit verbracht hatten und wohin sie hernach, als es überstanden war, manchmal noch zu Besuch kamen, zu wehmütigem Besuch, in die Sommerresidenz des alten Kaisers, unter dessen Fahne der Leutnant Perutz in den ersten Weltkrieg gezogen war.“

Das Grab am Ischler Friedhof

Obwohl auf dem Friedhof mehrere jüdische Personen bestattet sind, ist nur dieses eine Grabmal mit klassisch jüdischen Symbolen gekennzeichnet.
Auf der schlichten Stele sind Name und Lebensdaten des Verstorbenen vermerkt. Darunter befinden sich auf einer Bronzeplatte als Relief vier bedeutende Gegenstände der jüdischen Liturgie: Die Menora, hebr. Leuchter, der siebenarmige Leuchter dominiert das Blickfeld. Dieser Leuchter wurde ursprünglich nach biblischen Angaben, Ex. 25.31-40 und 37.117-24, aus Gold gefertigt und stand im jeweils jüdischen Heiligtum (Stiftshütte, 1. und 2. Jerusalemer Tempel). Nach Zerstörung und Plünderung des Tempels durch die Römer, 70 n. Chr., kam die Menora nach Rom und in diverse Hände. Sie gilt seit dem Jahre 533 als verschollen. Das Bild der Menora wurde bei der Staatsgründung Israels, 1948, in das Staatswappen aufgenommen.
Darunter links, das Schofar-Horn, ein Ziegen- oder Kuduhorn welches an wichtigen Festtagen geblasen wird. Es soll an die (Beinahe-)Opferung Isaaks erinnern, Gen. 22 ff, wo im letzten Augenblick ein Widder anstatt dem Jungen zur Opferung kam.
Rechts oben der Jad, hebr. Hand, eine Zeigestab, oft aus Silber gefertigt, in Form eines ausgestreckten Armes mit Hand und ausgestrecktem Zeigefinger. Damit wird bei den Lesungen aus der Thora die Textzeile angezeigt, um die Heilige Schrift nicht zu berühren oder zu beschmutzen.
Darunter die Machtah, (Mahta), eine Weihrauchschaufel mit der beim Tempelgottesdienst Weihrauch geopfert wurde.
Auf der Stele und dem Grab liegen mehrere Besuchersteine, hebr. Dofek, d. h. „Anklopfer“. Ein ehemals dreieckiger Dofek-Stein wurde früher, als bei den Juden noch Grabhöhlen verwendet wurden, zum Fixieren des Rollsteins benutzt, der das Portal der Höhle verschlossen hatte. Heute wird dem Bedeutungsnamen die Funktion des Steines zugeschrieben, zum Zeichen des Grabbesuches bei dem Verstorbenen (respektive seinem Eigentum) angeklopft zu haben. Es existieren auch andere Erklärungen, die aber geringere Plausibilität besitzen.
Die Dofeks an diesem Grab entsprechen nicht alle Besuchersteinen. Auf Grund spielerischer Tätigkeit von Kindern kann beobachtet werden, wie die Anzahl der Steine, ihre Größe und Anordnung von Zeit zu Zeit schwankt, was auf Jüdischen Friedhöfen nicht der Fall ist.
Auf testamentarischen Wunsch des verstorbenen Schriftstellers dürfen auch Blumen als Grabschmuck Verwendung finden.

Weblinks

Wir erinnern uns

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